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Zu der „Geschichte des Chevalier Des Grieux und der Manon Lescaut“ des Abbé Prévost
Mit der Neuinszenierung von Massenets „Manon Lescaut“ (1884) an der Wiener Oper, ja bereits mit der glänzenden Einlage von Anna Netrebko als Manon beim Wiener Opernball 2007, ist dieser Stoff, den auch Auber und Puccini vertonten, der jedoch auf den französischen Schriftsteller Abbé Prévost (1731) zurückgeht, offenbar aktueller denn je. Der prickelnde Cocktail aus Schönheit, Liebe, Sexualität, Geld, Spiel und tragischem Schicksal scheint für viele das Leben selbst widerzuspiegeln – das auf den Alltag ebenso verzichtet wie auf Religion und Politik. Welche Verbindungen unserer Zeit gibt es nun zum Rokoko oder auch zu dem scheinbar prüden 19. Jahrhundert, in dem allein drei Vertonungen entstanden?
Der Kulturhistoriker Egon Friedell hat sich in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit den folgenden Aussagen der Zeit des Rokokos genähert: „Man hat nur den einen Wunsch, das Leben zu einem ununterbrochenen Genuß zu machen; ‚der Sicherheit halber‘, sagte Madame de la Verrue, ‚bereitet man sich bereits auf Erden das Paradies‘. Und man will sich delektieren, ohne die Kosten zu bezahlen. Man will die Früchte des Reichtums genießen ohne die Strapazen der Arbeit, das Glanzlicht der sozialen Machtstellung ohne ihre Pflichten und die Freuden der Liebe ohne ihre Schmerzen. Man flieht daher die große Passion, die als nicht chic gebrandmarkt wird, und schöpft von der Liebe nur die süße luftige Creme ab. Man ist immer amourös, aber niemals ernstlich verliebt: ,man nimmt einander‘, heißt es bei Crébillon fils, ,ohne sich zu lieben; man verläßt einander, ohne sich zu hassen.‘ Liebe und Haß sind Leidenschaften, und Leidenschaften sind unbequem und außerdem ein Zeichen von Mangel an Esprit. Man will die Liebe ohne viele Umstände genießen wie ein pikantes Bonbon, das rasch auf der Zunge zergeht, nur dazu bestimmt, durch ein zweites von anderem Geschmack ersetzt zu werden.“1
Es wird hier beschrieben, wie der Mensch mit aller Raffinesse versucht, die Verpflichtungen, die eine tiefere Liebe mit sich bringen würde, nicht wahrzunehmen und damit sich selbst und das eigene Gewissen zu übertölpeln. Man gibt sich lieber den Einbildungen hin, und mit etwas Geschick läßt sich so ein Leben genießen, dem eine Zeitlang äußerer Erfolg beschert sein mag.
Die Liebe, die der französische Schriftsteller Abbé Prévost in seiner „Manon Lescaut“ beschreibt, ist nicht ganz so raffiniert. Zwar geht es den Helden der Erzählung – der bildhübschen, lebenslustigen Manon und dem jungen Ritter Des Grieux – zunächst nur darum, ihre Liebe zueinander zu genießen, doch ganz ohne Wermutstropfen vermag die Beziehung nicht zu bleiben: „Wir führten weiterhin ein Leben voller Vergnügen und Liebesglück. Unser sich stetig mehrender Reichtum verdoppelte unsere Zuneigung. Venus und Fortuna hatten niemals glücklichere Sklaven. Mein Gott! Weshalb nennt man die Erde ein Jammertal, wenn sie voller so bezaubernder Wonnen ist? Ach, das Schlimme ist nur ihre Vergänglichkeit! Oder möchte man sich, wenn sie von Dauer sein könnte, eine andere Seligkeit wünschen? Die unsere freilich teilte das allgemeine Los, das heißt, sie dauerte nicht lange und zog bitteres Leid nach sich.“2
Dieses Leid bestand darin, daß die Liebenden all ihr Geld verloren. Diese Situation, die sich mit einer gewissen Regelmäßigkeit wiederholt, scheint für Manon so unerträglich zu sein, daß sie sich immer wieder einem Reichen als Mätresse verdingt. Der Chevalier Des Grieux fällt von einer Verzweiflung in die andere: „Den Hunger fürchtet sie! O, Gott der Liebe! Welche Fühllosigkeit! Welch grobes Echo auf mein Zartgefühl! Ich habe den Hunger nicht gefürchtet, sondern mich ihm frohen Herzens ausgesetzt, wie ich ihretwegen auf meine Zukunft und auf die Liebe meiner Angehörigen verzichtete! Bis zum äußersten habe ich mich eingeschränkt, um ihre Wünsche und Launen zu befriedigen. Sie betet mich an, sagt sie. Wenn du mich anbetest, Undankbare, so weiß ich dagegen, wessen Ratschläge du befolgst. Sonst hättest du mich nicht ohne Lebewohl verlassen! Wer wissen will, wie entsetzlich dem zumute ist, der sein Geliebtestes verliert, der frage mich. Man muß den Verstand verloren haben, um dergleichen freiwillig zu ertragen.“3
Doch dieses Sichaufbäumen scheint dem Chevalier nichts zu nützen. Er bleibt auf Gedeih und Verderb an seine süße und zugleich grausame Manon gekettet. Er geht, wenn es sein muß, für sie ins Gefängnis und rettet sie aus der Besserungsanstalt. Ja, da er sich selbst nicht für fähig hält, sein Leben zu bestimmen, sondern dieses von den Wechselfällen seiner Leidenschaft abhängig macht, die ihm so viel Glück und Leiden bringen, beginnt er die Ursache solch scheinbar blinden Schicksals im Himmel zu suchen und diesen dann für alle Unbill verantwortlich zu machen: „Welch ein Schicksal für ein so reizendes Wesen! O Himmel, wie kannst du das vollkommenste deiner Geschöpfe so grausam anfassen? Warum hast du uns nicht die Eigenschaften in die Wiege gelegt, die zu unserem Unstern passen? Wir sind mit Geist, Geschmack und Empfindung begabt, aber ach, welch traurigen Gebrauch müssen wir davon machen, während so viel niedrige Seelen, die unser Los verdienten, die Gunst des Schicksals genießen!“4
Später, als Manon zum zweiten Male hinter Gittern ist, äußert sich der Chevalier weniger anklagend, er beschreibt die momentane betrübliche Situation, wenngleich er seine Geliebte weiterhin idealisiert: „… dieses herrliche Geschöpf, dieses Antlitz, geschaffen, die ganze Welt zur Abgötterei zu verführen, befand sich in unbeschreiblicher Verwahrlosung und Erniedrigung.“5
Auch des Chevaliers Freund, Herr v. T., ist der Meinung, die schöne, anbetungswürdige Frau, die den Umständen gemäß auch Mätresse sein darf, müsse als Herrscherin über die Menschenseelen, ja über die Welt betrachtet werden. Daher dürfe die Besserungsanstalt nicht mehr Besserungsanstalt heißen: „… denn seit (sie) ein Wesen beherbergt, das über alle Herzen zu herrschen verdient, ist (sie) ein zweites Versailles geworden.“6
Doch was war dieses berühmte Versailles? War es ein Ort, von dem aus die verschiedenen Mätressen Ludwigs XIV. bis hin zur „Pompadour“ oder „Dubarry“ das Land und seinen selbst ernannten „Sonnenkönig“ regierten? War es ein Traum von Weltherrschaft oder ein Traum vom Schlaraffenland, jenseits aller sozialen Wirklichkeiten? Es sollte wohl beides sein, überdies zutiefst „christlich“, denn Ludwig XIV. hat seine zeitgenössischen Apologeten das Folgende verlautbaren lassen: seine Politik verfolge die „Lehren der Heiligen Schrift“, und der „König sei der Statthalter und das Bild Gottes auf Erden, seine Majestät der Abglanz der göttlichen …“6
Die Geschichte hat bereits gegen Ende der Regierungszeit des Königs ein ganz anderes Urteil gesprochen. Friedell schreibt: „Unter der Sonne des Einheitsregimes wird allmählich alles zur leeren Wüste und dürren Einöde verbrannt. Der Hof, und durch ihn die Welt um ihn, wird frömmelnd, senil, moros und, was für französische Begriffe das Unverzeihlichste ist, langweilig. Der Goldglanz von Versailles wird stumpf, der bunte Lack springt ab: man beginnt zu beten und zu gähnen. Selbst das Volk fängt an zu erkennen, daß alles nur die trügerische Schaustellung einer aufgebauschten Talmigröße ist, hinter der sich nichts als blinde Gier und Selbstsucht verbirgt. Als der große König tot war, jubelten nicht bloß seine Feinde, sondern auch seine Untertanen, die Mauern von Paris bedeckten sich mit Pasquillen, die Menge verfolgte seinen Leichenzug mit Schimpfreden und Steinwürfen …“7
Es sei nochmals zur Geschichte von Manon zurückgekehrt. Obwohl sie ganz und gar durch die Moden der Zeit bestimmt zu sein scheint, wird sie durch einen Umstand weit über den Durchschnitt herausgehoben: durch das Scheitern allen äußeren Glücks.
Bei dem Versuch, reiche Männer auszunehmen, ist Manon nicht klug genug, ihre Liebe zu Grieux aus dem Spiel zu lassen. So verliert sie nicht nur immer wieder ihr Geld, sondern soll nach der zweiten Haft mit anderen straffällig gewordenen Prostituierten nach New Orleans, in die Südstaaten von Amerika abgeschoben werden. Der Chevalier entschließt sich, Manon zu begleiten.
In New Orleans finden die beiden äußerst dürftige Umstände vor. Doch sie können sich beim Statthalter in ein günstiges Licht rücken und scheinen nun ein glückliches kleinbürgerliches Leben zu führen. Aber ein Gedanke sucht sie heim, der wieder neue Verwicklungen auslöst: Sie wollen den kirchlichen Segen für ihre Verbindung erbitten. Nun erfährt der Neffe des Statthalters, daß die beiden im Konkubinat leben, und glaubt, daß er seine Leidenschaft für Manon nicht mehr zurückhalten müsse. Er beansprucht Manon für sich, und so kommt es zum Duell zwischen Grieux und Synnelet. Der Chevalier obsiegt.
Manon und Grieux fliehen nun, doch die zarte Geliebte ist den Strapazen einer Flucht im unwegsamen Amerika nicht gewachsen und stirbt vor Erschöpfung. Der Chevalier will ebenfalls sterben, doch das Schicksal hat anderes über ihn beschlossen: „Aber der Himmel wollte, nachdem er mich so hart gestraft hatte, ein Heil aus den Leiden und Züchtigungen erwachsen lassen: er erleuchtete mich mit seinem Licht und gab mir Gedanken ein, wie sie meiner Geburt und Bildung anstehen.“8
Der opernhafte Schluß der Erzählung mit Manons Tod – in Massenets Fassung stirbt Manon bereits in Le Havre – ist nicht nur der Form nach effektvoll und dramatisch. Er stellt auch in gewisser Weise die Überwindung rokokohafter Oberflächlichkeit dar, ein Bekenntnis zu einer „amerikanischen Alltagswirklichkeit“, die absolut neu ist. Da geht es einmal um den freiwillig-unfreiwilligen Auszug aus dem Boudoir einer herrschenden Dame in die dürftigsten, absolut kulturlosen Verhältnisse des damaligen New Orleans. Zum anderen zerbricht die Utopie eines unendlichen Liebesgenusses ohne Reue, ohne Sorgen, „sans souci“. So setzt abwechselnd bei Grieux, dann wieder bei Manon ein Keim von wahrer Liebe an, zerstört die klugen, auf Geldmacherei ausgerichteten Spekulationen und bringt seelische Bewegung, ja Dramatik in die Besitzverhältnisse, die zunächst von den Partnern nur körperlich gedacht waren.
Natürlich meint der Chevalier Des Grieux immer wieder, mit dem Besitz einer schönen Frau ein greifbareres Glück zu haben als etwa sein Freund, der Theologe Tiberge, mit seinem Streben nach Tugend. So sagt er einmal: „Ich habe wenigstens sie (…), sie liebt mich, sie ist mein. Tiberge weiß nicht, was er redet. Dies hier ist kein Trugbild des Glücks. Das ganze Weltall könnte untergehen, ohne mich zu kümmern. Warum? Weil es mir nichts mehr gilt.“9
Nun, auch hier hat das Schicksal anders entschieden: Das Weltall ist noch immer vorhanden und das Liebesglück dahin, zumindest, sofern es ausschließlich irdisch gedacht war.
Doch was macht diese Geschichte heute so interessant, was faszinierte das Publikum zum Zeitpunkt der Vertonungen der literarischen Vorlage?
Die zweite Frage ist wohl relativ leicht zu beantworten: In der Sphäre der Kunst konnte die Gesellschaft das genießen, was die damalige Wirklichkeit verbot oder nur als Subkultur zuließ bzw. was nur so weit ans Licht durfte, soweit es der „Geburt und Bildung“ entsprach.
Heute kennt die Gesellschaft zwar weiterhin erlaubte und unerlaubte Wirklichkeiten, doch sie sind nicht mehr moralisch definiert, sondern werden lediglich am Erfolg gemessen: Solange es „Jedermann“ gut geht, ist er einer der unsrigen. Tod, Krankheit und Mißerfolg sind hingegen unerwünscht, werden nach wie vor mehr oder weniger tabuisiert.
Nun könnte man sagen: Manon kommt doch ins Gefängnis und stirbt schließlich! Nein, sie stirbt nicht wirklich, das gehört so zum Roman, zur Oper – das geht dort nicht anders! Denn noch immer gilt mehrheitlich das, was vor zwei Jahrhunderten eine adelige Dame der feinen Gesellschaft äußerte: „der Sicherheit halber bereitet man sich bereits auf Erden das Paradies“. Doch auch Egon Friedells Kommentar ist noch immer aktuell: „Man hat nur den einen Wunsch, das Leben zu einem ununterbrochenen Genuß zu machen. … Und man will sich delektieren, ohne die Kosten zu bezahlen. Man will die Früchte des Reichtums genießen ohne die Strapazen der Arbeit, das Glanzlicht der sozialen Machtstellung ohne ihre Pflichten und die Freuden der Liebe ohne ihre Schmerzen“.
Daß die Wirklichkeit eine andere Sprache spricht, daß sich die Welt offenbar gegen unsere Wünsche taub stellt, hat sich seit dem 18. Jahrhundert da und dort schon herumgesprochen. Offenbar sind die Gesetze, die ihr bisher noch das Überleben ermöglichen und sie gegen das selbstsüchtige Verhalten von Liebenden – und noch mehr von solchen, die gar nicht lieben – abgrenzen, aus anderem Stoff als eben diese Wünsche. Sie könnte und kann – zumindest da und dort – zum kleinen Paradies werden. Dies hätte zur Voraussetzung, diese Utopie nicht als einen Konsumartikel zu betrachten, sondern als ein Gut, das nur dann von Dauer ist und wirkliche Freude bereitet, wenn selbst versucht wird, ein solches Paradies – im kleinsten Maßstab und zunächst im engsten persönlichen Umkreis – zu verwirklichen.
Christian Baur
Anmerkungen:
1 Vgl. Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit. München 1965 (1927), S. 571.
2 Vgl. Antoine François Prévost, Manon Lescaut (Histoire du chevalier Des Grieux et de Manon Lescaut). Leipzig 1950, S. 65 f.
3 Siehe ebenda, S. 69 f.
4 Siehe ebenda, S. 165.
5 Siehe ebenda, S. 187.
6 Zit. bei: Egon Friedell, a. a. O., S. 503.
7 Siehe ebenda, S. 513.
8 Vgl. Antoine François Prévost, Manon Lescaut, a. a. O., S. 211.
9 Siehe ebenda, S. 113.
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